Landschaft an der Autobahn

von Bernd Geisel und Thorsten Kamp, Stadt Mülheim an der Ruhr

Wer heute die A40|B1 von Moers nach Unna oder in umgekehrter Richtung befährt, hat nur selten und für wenige Augenblicke den Eindruck, sich mit dem Auto durch offene Grünräume, durch freie Landschaft zu bewegen. Wahrnehmen wird er den unterschiedlichen Charakter der Straße: Zwischen Moers und dem Dortmunder Westen und auch östlich von Dortmund ist er auf einer Autobahn, gleichgültig, ob dort blauoder gelbgrundige Schilder den Weg weisen. Bei der Stadtdurchfahrt von Dortmund ist er – trotz schmaler Fahrspuren – auf einer großzügigen Allee, die von vielen repräsentativen Bauten flankiert wird. Auf der „freien Strecke“, der Autobahn, bleibt der Blick des Straßennutzers meist im Nahbereich hängen, fällt auf eine Vielzahl unterschiedlicher Lärmschutzwände, „nackt“, mit Graffi ti überzogen oder auch wohltuend begrünt. Vor, hinter oder anstelle der Wand das unstrukturierte Begleitgrün, nur unterbrochen von Tunneldurchfahrten in Essen, Bochum und Dortmund und der Troglage der Straße im Essener Westen. Zugegeben, punktuell gibt es Einblicke in den Freiraum, aber die Behauptung, dass zehn größere, freie Landschaftsräume (die Freiräume um Unna und Moers sowie acht Regionale Grünzüge) durchfahren werden, dürfte ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen. Die Querung des Rheins in Duisburg vermittelt schon einen Eindruck von weiter Flusslandschaft, eine Ahnung des hier beginnenden, sich nach Nordwesten ausdehnenden Niederrheins. Bei der Fahrt über die Ruhrtalbrücke in Mülheim fällt der Blick nicht nur in eine liebliche Auenlandschaft, sondern auch auf die Ausläufer des Bergischen Landes am fernen Horizont. Und die „Gefällstrecken-Einfahrt“ nach Dortmund – von Westen kommend – geschieht unter deutlicher Wahrnehmung des hier recht tief eingeschnittenen Emschertals, das auch den „Eintritt“ in die Dortmunder Innenstadt und die Wandlung der Straße zur Allee
markiert.

Wer den sich wiederholenden Duktus aus gebauter Stadt und Freiraum erkennen will, muss in die Luft. Von oben wird deutlich, dass die 75 Kilometer Stadtraum, den die A40|B1 zerschneidend und verbindend  durchquert, kein homogener „Siedlungsbrei“ sind, sondern eine bewegte, vielgestaltige, mitunter überraschende Abfolge von bebauten Stadtquartieren, Industrie- und Gewerbezonen und mehr oder weniger großzügigen Grünräumen.

Dass dies so ist, hat natürlich siedlungsgeschichtliche Ursachen, resultiert aus den Standortpräferenzen und -anforderungen von Kohleförderung und Stahlerzeugung im 19. und 20. Jahrhundert – und der Weitsicht des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk, der bereits in den 1920er Jahren das System der Regionalen Grünzüge „erfand“. Denn schon damals, vor rund 90 Jahren, war man sich der Bedeutung von Freiraum und Grün für die Lufthygiene und die Volksgesundheit bewusst. Die originär am wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtete Standortpolitik der Kohle- und Stahlbarone – und die damit verbundenen infrastrukturellen Anforderungen – hatte das ehemals ländlich geprägte Gebiet zwischen Ruhr und Emscher zu einem Städte- Industrie-Moloch heranwachsen lassen, dem eine ordnende Struktur weitgehend fremd war. Das sollte sich mit den Regionalen Grünzügen ändern. Festgemacht an gefährdeten „Restlandschaften“ sollten großzügige, in Nord-Süd-Richtung verlaufende, grüne Trennsäume zwischen den Städten und Industriezonen dem Revier Struktur geben, die Luft filtern, lokale Identitäten bewahren, Raum bieten für Landwirtschaft, das eine oder andere Waldstück und die erste zaghafte Naherholung.

In den Wiederaufbau- und Wachstumsjahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg verblasste die Bedeutung der Regionalen Grünzüge jedoch zusehends, bot sich doch gerade hier ein Siedlungs- und Infrastrukturflächenpotenzial, an dem man sich teilweise schamlos bediente. Heute sind manche Regionalen Grünzüge löchrig wie ein Schweizer Käse, angefressen von Siedlungen aus den 1950er bis 1980er Jahren, zerfurcht und segmentiert von neuen Straßen und Autobahnen, morphologisch verändert durch Deponien und Bergehalden, überspannt von Starkstromleitungen – quer in sie hineingelegt die in den 1960er Jahren zur Autobahn A430, später A40 mutierte Bundesstraße 1, von Mülheim an der Ruhr nach Westen die ehemalige B60, zwei Fernstraßen, die in ihren Stadtdurchfahrten angebaut und mit den örtlichen Straßennetzen vielfältig verflochten waren. Das spürt man noch heute.

Welch Glück, dass Ende der 1980er Jahre die IBA Emscherpark aus der Taufe gerufen wurde – und mit ihr ein neues Bewusstsein für den herausragenden Stellenwert von Freiraum, Natur und Landschaft als den Siedlungsräumen ebenbürtige Kernelemente einer sich wandelnden, für künftige Herausforderungen fit zu machenden Industrieregion.

Mit dem Emscher Landschaftspark wächst ein weltweit beachtetes, einzigartiges Stück Zukunft. Längst überspringt der Park die räumliche Grenze der IBA, die im Süden durch die A40|B1 markiert war. Ein nicht immer leichtes Unterfangen. Dort, wo die Straße Fließgewässer und ihre Auenlandschaften zwangsläufig überbrücken muss, ist Freiraum- und Biotopverbund relativ einfach. Das gilt für die großen, die A40|B1 querenden Grünkorridore an Rhein, Ruhr und Emscher, letztere in den Regionalen Grünzügen A und F. Hier lohnt sich eine Inszenierung dieser regional bedeutsamen Naturräume, wie es der Regionale Masterplan A40|B1 fordert. Die Hochlage der Straße begünstigt die Schaffung interessanter, auch Identität stiftender Blickbeziehungen in die freie Landschaft, hin zu fernen Landmarken.

Andernorts – und in den meisten Regionalen Grünzügen und Freiräumen um Unna und Moers – schafft die A40|B1 eine Zäsur, bildet eine für den Biotopverbund  kaum überwindbare Barriere. Für die Besucher des Landschaftsparks hat man aber zahlreiche Möglichkeiten geschaffen, die Barrieren (nicht nur der A40|B1) zu überwinden. Die Parkinfrastruktur nutzt einige glücklicherweise nicht abgerissene Relikte aus der Zeit von Kohle und Stahl, ehemalige Werksbahntrassen (mit ihren Brücken), die zu beliebten Rad- und Wanderwegen umfunktioniert werden konnten.

Für große Freiräume an der A40|B1 fordert § 7 der Grundregeln des Gestalthandbuches, dass diese im Bereich kreuzender Grünzüge und Flusstäler grundsätzlich erlebbar gemacht werden. Mit einem optischen Trick, der Ausbildung vegetativer Rippen, soll der Blick des Straßenbenutzers in die freie Landschaft gelenkt werden. Aus der Perspektive des Parkbenutzers kaschiert diese schuppenartig gestaffelte Bepfl anzung die Autobahn und den auf ihr fließenden Verkehr. Einziger Wermutstropfen: die Verlärmung von Parkteilen im näheren Umfeld der Straße. Aber auch diese dürfte zumeist lösbar sein: durch Abrücken autobahnnaher Wege, also einer Parkinfrastrukturplanung in Abstimmung mit den Anforderungen an die funktionale und gestalterische Aufwertung der Fernstraße.

Die A40|B1 soll ihre Nutzer aber nicht nur an der sichtbar gemachten Landschaft vorbeiführen, sondern auch als „Zubringer“ zu den Grünräumen fungieren, gleichsam ihre „Fernerschließung“ gewährleisten. So soll beispielsweise im Regionalen Grünzug B, unweit der Abfahrt Mülheim-Winkhausen, entsprechend den
Plänen zum Ausbau des Emscher Landschaftsparks längerfristig einer neuer Parkeingang inszeniert werden, mit Parkplatz zum Umstieg vom Auto aufs Rad, mit Parkinformationen und – wenn die geplante Landmarke, ein begehbarer Turm, Realität werden sollte – einem herrlichen Ausblick auf die Skyline von Essen, die immer noch zahlreichen Schlote von Duisburg und den Gasometer in Oberhausen am Rhein-Herne-Kanal. Und im Nahbereich natürlich auch auf die A40|B1, deren neue Ästhetik sich durch einen „Blick von oben“ erschließt.

Wer in einigen Jahren die A40|B1 von Moers nach Unna oder in umgekehrter Richtung befährt, wird sich dem neuen Reiz der „metropole ruhr“ nicht entziehen können, wird hochschauen an markanten, architektonisch anspruchsvollen Bauten in den MetroZONEN und hineinschauen in die freien Landschaftsräume der RegioZONEN, die einen Zwischenstopp, einen Besuch allemal lohnen.

Ansicht / Aussicht