Auftakt und Eingang

von Stefan Oppermann, Stadt Moers

Die A40 im Ruhrgebiet – was ist das eigentlich für ein Gebilde? Eine rein technokratische Antwort klingt ungefähr so: Die Bundesautobahn 40 – kurz A40 genannt – verläuft von der niederländischen Grenze bei Straelen in Weiterführung der A67 (NL) von West nach Ost durch den linken Niederrhein über den Rhein (Rheinbrücke Neuenkamp) quer durch das Ruhrgebiet nach Dortmund, wo sie am Autobahnkreuz Dortmund West in der Nähe der Stadtgrenze zu Bochum in die autobahnähnlich ausgebaute Bundesstrasse 1 und im weiteren Verlauf ab Holzwickede in die A44 übergeht. Die A40 von Duisburg bis Dortmund-West und die B1 im Stadtgebiet Dortmund bilden im Zusammenhang den Ruhrschnellweg – das Mobilitätsband A40|B1.

Eine sachlich sicherlich korrekte, aber keine befriedigende Antwort im Sinne des Regionalen Masterplanes A40|B1. Dieser beschäftigt sich mit lokalen Profilen der Anrainerstädte, mit regionalen Identitätsmerkmalen und mit Differenzierungsstrukturen zur besseren Orientierung im Stadtraum der Metropolregion Ruhr.

Im Sprachduktus der Planer finden sich u. a. sinngemäß folgende zentrale Formulierungen: Im Interesse des Regionalen Masterplanes steht eine identitätsstiftende Entwicklung und Gestaltung der zentralen Verkehrsachse, um die regionale „Erfahrbarkeit“ der Metropolregion Ruhr sowie auch die der Anrainerstädte zu stärken. Dies zu dem Zweck, die Funktion des Stadtraumes entlang des Ruhrschnellweges als „Schaufenster“ der Region zu verbessern.

Eine Annäherung zur Beantwortung der Frage, was ist und welche Bedeutung hat die A40 im Ruhrgebiet, kann eher über eine metaphysische, emotionale oder auch humoristische Betrachtungsebene heraus erfolgen.

Bekanntermaßen liegt die A40 mitten im Ruhrgebiet – wo in Hochöfen Stahl geschmolzen wurde und an der „Bude“ und in den Schrebergärten ethnische Kulturen im Schmelztiegel zusammen fanden. Der Klebstoff dieser menschlichen Verbindungen basiert auf gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen sowie auf ein gemeinsames Lebensgefühl – diese Attribute u. a. definieren den Begriff „Heimat“. Wenn es um „die Menschen des Ruhrgebiets geht“, dann geht es um deren Gefühlswelten und Wertevorstellungen. Der Kabarettist Frank Goosen hat in seinem Programm „Woanders is auch scheiße“ das Ruhrgebiet als Raum der Betrachtung einmal folgendermaßen abgegrenzt: „Südlich von Hattingen ist für mich Tirol, nördlich von Recklinghausen Dänemark, östlich von Unna beginnt für mich Sibirien und westlich von Duisburg ist die Welt zu Ende und alle fallen ins Urmeer“. Was hat diese Erkenntnis mit der A40|B1 zu tun und mit den lokalen und regionalen identitätsstiftenden Merkmalen, die im Regionaler Masterplan propagiert werden?

Die Erfindung der Autobahn war im Sinne der damaligen Ingenieurskunst keine rein zweckorientierte Neuerung, sondern ursprünglich eine Vision, die in der Fortbewegung nicht bloß die Überbrückung der Distanz sah, sondern auch das Erleben und die Wahrnehmung des Augenblicks der Reise – modern ausgedrückt: Der Weg ist das Ziel.

Das bedeutet, dass sich die Planer und Ingenieure der Frage nach der Qualität der Wahrnehmung der Umgebungssituation sehr bewusst waren. Es ging nicht nur darum, Fahrzeuge möglichst schnell von einem Punkt zum anderen fahren zu lassen. Die Reise selbst war der Zweck und damit war u. a. gemeint: das möglichst harmonische und an ästhetischen Eindrücken reiche Wahrnehmen und Betrachten der umgebenden Landschafts- und Stadträume.

Die A40|B1 zwischen Moers und Unna wird nicht neu gebaut, aber die streckenweise Erneuerung der Autobahn auf 6 Spuren, die zahlreichen Sanierungs-, Instandhaltungs- und Pfl egemaßnahmen sowie zukünftige städtebauliche Entwicklungsmaßnahmen bieten eine große Chance. Die Chance, bei gestalterischen und auch funktionalen Veränderungen entlang der Strasse eine wichtige Tugend der Planung in den Vordergrund zu rücken. Zugrunde liegt dieser Tugend die Idee vom „Menschlichen Maßstab in der Architektur“. Dieses „Menschliche Maß“ ist eine rein subjektive Wahrnehmungskategorie, es ist ein bestimmtes Gefühl von Wohlproportioniertheit, von wahrnehmbaren Sinneseindrücken, von Orientierung im Raum sowie von Heimatverbundenheit und von Neugierde.

Der Regionale Masterplan und das Gestalthandbuch A40|B1 betonen diese subjektiven Wahrnehmungen des Menschen als Voraussetzungen für konkrete Verbesserungen entlang der Strasse. Hier spielt die „Philosophie“ der Planer, Ingenieure und sonstigen Akteure eine ausschlaggebende Rolle: Handelt es sich um Technokraten und Unempfi ndsame, denen abstrakte Planungen vor Wahrnehmung und Sinnesempfi ndung geht, oder um sensible Beobachter und aufgeschlossene, einfühlsame Menschen, die verstehen, wie wichtig die durch sie ausgelösten Veränderungen eines Stadtund Landschaftsbildes im Einzelnen und auch in der Gesamtschau für den Betrachter – ob Einheimischer oder Gast – sein wird?

Im Folgenden soll in diesem sachlichen Zusammenhang auf den eigentlichen Titel dieses Textbeitrages eingegangen werden. Es geht um die Stichwörter Auftakt und Eingang, Zugänge und Übergänge im Metropolraum Ruhr. Diese Begriffe defi nieren eine grobe räumliche Strukturierung des 75 km langen Verkehrsgebildes zwischen Moers und Unna. Die Definition soll hierbei auch nicht technokratisch ausfallen! Das Verkehrsband ist bildlich gesehen räumlich strukturiert wie ein von zwei Seiten voll erschlossenes Haus. In Moers und in Unna gibt es jeweils ein repräsentatives Eingangsportal. Nach dem Eingangsportal Moers folgt ein langer Korridor, der mit der Rheinbrücke Neuenkamp endet und dort den Übergang in das Wohnzimmer beschreibt – in die Kernzone der Metropolregion Ruhr. Von Unna aus folgt ebenfalls ein langer Korridor, der mit dem Beginn der Dortmunder Allee an der B1 endet. Der baumbestandene Boulevard in Dortmund beschreibt von Osten kommend den Übergang in das Wohnzimmer der Kernzone. Zwischen dem Eingangsportal Moers und dem Eingangsportal Unna gibt es 41 Anschlussstellen, um in die angrenzenden Stadträume zu gelangen. Also bildlich gesehen 41 Möglichkeiten, um 41 Zimmer zu betreten und deren Wohnfunktionen und gestalterischen Wohnaccessoires zu erkunden.

Die Weiterentwicklung und Realisierung von vorgeschlagenen Maßnahmen des Regionalen Masterplanes und des Gestalthandbuches sollen wahrnehmbare Spuren hinterlassen im Stadt- und Landschaftsraum entlang der A40|B1. Diese Spuren werden im Laufe der Zeit zur biografi schen und kollektiven Erfahrungswelt gehören. Sie alle signalisieren beim Betrachter unbewusst Kontinuität, Vertrautheit, soziale und lokale Zugehörigkeit und in der Gesamtschau auch regionale Identität. Die Spuren sollen nicht zuletzt dem fatalen Verlust an ästhetischer Individualität und Unverwechselbarkeit der Städte und der Region entgegenwirken. Das konsequente Herausarbeiten von stadtspezifi schen Alleinstellungsmerkmalen der einzelnen Städte schafft Individualität, die Wiederkehr von gleichgearteten Gestaltungs- und Funktionselementen schafft regionale Identität und die stringente Beibehaltung des Planungsund Gestaltungsansatzes bewirkt ein Ausscheren aus dem Mittelmaß und der Beliebigkeit. Dabei definiert sich dieser Ansatz nicht über eine reine Dekoration, Möblierung oder Funktionsausstattung der Stadt- und Landschaftsräume, sondern er betont das bereits latent vorhandene Potenzial, um auch authentisch sein zu können.

In diesem Sinne verliert die A40|B1 ihre Funktion als reines „Trägerobjekt“ von „rasenden Verkehrsmitteln“ und wird stattdessen zum vermittelnden Medium: Zwischen den Vorbeieilenden und dem ruhenden Betrachtungsgegenstand, zwischen dem Ausgangsort und dem Zielort der Fahrt, zwischen dem Gedankenlosen und dem Denkenden, zwischen dem Uninteressierten und dem neugierig Betrachtenden.

Die subjektiv wahrgenommenen Betrachtungsgegenstände werden unmittelbar am Wege, beim Eilen, beim Fahren miterlebt. Ein Hingehen zu einem Betrachtungsgegenstand und ein Verweilen ist nicht möglich – außer man fährt bewusst von der Autobahn oder der Bundestraße ab –, sondern die Rezeption wird im Vorbeifahren, in der Bewegung erfolgen. Zeit und Geschwindigkeit sind die begleitenden Faktoren, des Gesamterlebens der Straße. Ein Wahrnehmungselement löst am Weg das andere ab, eines soll mit einem anderen in Zusammenhang stehen und es oftmals auch vorbereiten.

Im Auge des Betrachters erst wird die neue Wahrnehmung des 75 km langen Verkehrsbandes zwischen Moers und Unna entstehen.

 

Literatur

  • Bundesautobahn 40, Wikipedia – Die freie Enzyklopädie
  • Radio Heimat – Geschichten von zuhause, Frank Goosen; Eichborn-Verlag, Januar 2010
  • Wahrnehmen, Gestalten, Bauen – Ideenjournal für Architektur,  Autobahn – Natur und Wahrnehmung, Gerd-Lothar Reschke, Juni 1997
  • Aktionsgruppe Kulturstraßen, Philosophie der Kulturstraße i. V. ehem. Kreisrätin Dr. Gisela Forster, Starnberg; Homepage, 2004

 

 

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